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Entspannt im Dazwischen

// Der Zürcher Journalist Mischa Suter ist chirurgischer Beobachter popmusikalischer Entwicklungen, hat als Student Veranstaltungsreihen mit Bands und DJs aus verschiedensten Stilprovenienzen bestückt, das Musikbüro der Roten Fabrik geleitet und schreibt heute für den «Tages-Anzeiger» und die «NZZ». Im Gespräch mit kommerz geht es um Minimal-Techno, die Breitenwirkung einer schmalen Musik und das Problem mit dem Gin-Tonic. Eine Art Gespräch.

kommerz: «Minimal klingt einfach gut» hast Du kürzlich frei nach Sascha Kösch geschrieben, und dabei das Wort gemeint, nicht die Musik. Was verstehst Du unter Minimalmusik?
Mischa Suter: Als Begriff gibt es Minimal ja schon lange, Robert Hoods «Minimal Nation» kam schon 1994 heraus. Minimal-Techno war seitdem geläufig, wie auch «Minimal Music» innerhalb der zeitgenössischen Komposition schon seit eh und je verwendet wird. Ich habe das Gefühl, das «Minimal» in den letzten drei oder vier Jahren ein Sammelbecken für so ziemlich alles wurde und so die Aussagekraft verlor.

Eine Inflation.
Ja.

Man kann es auch so sehen, dass sich elektronische Musikstile längst wieder in ihren Vorgängern aufgelöst haben, Deep House zum Beispiel schlicht wieder Soul geworden ist. Minimal ist dann der Gegenbegriff.
Ja, das kann ich mir gut vorstellen, ähnlich reziproken Schlaufen. Andererseits finden solche Schlaufen ja auch in den Klubs statt. Dort läuft ein Stück von 1999, das eingebettet ist in aktuelle Musik. Das ist aber auch wieder völlig normal.

Interessiert Du Dich denn überhaupt noch fürs Schreiben über elektronische Musik?
Nicht mehr so intensiv wie früher. Das hat persönliche und berufliche Gründe. Ich bin auch nicht mehr auf dem neuesten Stand, zumindest weniger als früher.

Du beschreibst ja vor allem Rap und Hip-Hop.
Ja, hauptsächlich.

Weil in diesem Bereich die spannendsten Dinge passieren?
Ich habe immer gerne Rap gehört, wurde auch eher damit gross als mit elektronischer Musik, die für mich erst Mitte der 90er-Jahre kam. Als schreibender Tagelöhner hat man es aber auch damit zu tun, dass man für dies und das angefragt wird. Und Hip-Hop ist derzeit halt riesig, vor allem hinsichtlich Jugend, Breitenwirkung und Kommerzialisierung. Aber mein Interesse liegt in beiden Bereichen, obwohl ich in letzter Zeit weniger ausgehe.

In Deinen Artikeln gehst Du immer wieder auf (fehlende) Netzwerke ein wie die plattformZ oder Petzi in der Romandie. Hast Du da in jüngster Zeit Veränderungen registriert?
Nicht wirklich. Lustig finde ich, dass sich gerade in der Elektronikszene eine Digitalrhetorik etabliert hat, die das Netzwerk als Selbstzweck hinstellt. Das Netzwerk muss ja aber auch etwas transportieren. Als peripherer Beobachter vermute ich, dass solche Vorhaben daran gescheitert sind: Dass man nicht recht wusste, wofür ein solches Netzwerk da sein soll.

Was bedeutet das Netzwerk als Selbstzweck?
Wenn man versucht, sich auf eine strukturierte Art zu verknüpfen, dann müssen ja auch Dinge vorhanden sein, die man gemeinsam anpackt, über die man sich austauscht. Das war wohl nie ein richtiges Bedürfnis. In der Westschweiz scheint die Situation anders zu sein: Wenige Leute arbeiten dort sehr intensiv.

Wie Mental Groove etwa?
Mental Groove als Laden und Label etwa, aber auch die verschiedenen Labels oder die Promo- und Veranstaltungsagentur Imploz. Vor allem die Menschen, die produzieren. Punkto Klubs sieht es ja in der Romandie nicht gut aus, vor allem auch in der Rockszene, die dort hochgradig vernetzt ist. Gentlemen Records ist ja Label wie Agentur. Für die Gitarrenrockszene ist dies sehr wichtig, ein solches Netzwerk hängt dort aber auch stark von denjenigen Personen ab, die sozusagen als Knotenpunkte wirken.

Während in der Deutschschweiz die Produzenten ihre eigenen Inseln sind?
Man scheint sich eher in einer entspannten Zwischensituation zu befinden. Sie erlaubt es, Musik zu produzieren und daneben anderswo Geld zu verdienen. In Deutschland fehlt dies völlig. Man findet keine Jobs, steht unter Druck und die Parallelökonomie rund um die Klubwelt ist hochgradig prekär. Das ist nicht lässig, weil kompetitiver und härter. Da ist die hiesige Entspanntheit auch begrüssenswert. Die Kehrseite ist dann halt, dass weniger geschieht.

In letzter Zeit scheint aber gerade mehr Technomusik veröffentlicht worden zu sein.
Das sehe ich auch so, in den letzten zwei bis drei Jahren sicherlich. Dafür ist der Veranstaltungskalender etwas flauer geworden. Aber das ist wirklich ein Aussenblick, den ich habe. Andere Leute sehen das anders.

Was liest Du über Musik?
Meine Lieblingshefte sind nicht besonders aktuell, «Wire» berichtet viel über Improvisation oder zeitgenössische Komposition. Sehr spezialistisch und nerdig. Schaurig gerne lese ich auch «Wax Poetics», das Black-Music-Themen behandelt oder Spezialnummern zu P-Funk herausgibt, die zwar sehr umfassend sind, allerdings etwa 1978 aufhören. Ansonsten gehe ich sehr gerne in Plattenläden und frage. «Spex» und «De:Bug» lese ich aber auch, allerdings nicht regelmässig. Bei den Büchern wird es aber schon schwierig.

Es gibt diese Reader bei Suhrkamp mit gesammelten Aufsätzen, die immer viel cooler klingen als sie dann sind. Du schreibst ja für den «Tages-Anzeiger» und die «NZZ», wo elektronische Musikthemen eher stiefmütterlich behandelt werden.
Das sind bürgerliche Tageszeitungen, die logischerweise in der elektronischen Musik eine Randerscheinung sehen – wie auch in vielen anderen Bereichen der Popmusik. Trotzdem wurde aufs Ganze gesehen die Pop-Berichterstattung im Lauf der letzten zehn Jahre ungemein verstärkt, die Zeitungen munitionieren sich ja damit auf. Aber die Vermittlungsarbeit bei elektronischer Musik unterscheidet sich bei solchen Zeitungen naheliegenderweise wesentlich von der Kommunikation innerhalb einer Szene.

Wegen des Herunterbrechens?
Ja, es geht um die Übersetzung. Über eine Klubnacht Bericht zu erstatten ist relativ anspruchsvoll – oder unendlich langweilig. Entweder wird es ein feuilletonistischer Aufsatz, oder eine Nacherzählung. Das wird aber rasch kompliziert. Man fragt sich: Was war wesentlich? Rückblickend lief halt diese Sorte Musik, jene Leute waren dort, solche Drogen wurden genommen und alle bewegten sich Richtung Gin-Tonic und wieder zurück. Natürlich passierte dann trotzdem viel mehr, aber im Sinne einer erzählenden Berichterstattung lässt sich eine Klubnacht, die ja eine Serie von Situationen ist, sehr schwer verbalisieren.

Wie gehst Du vor?
Gut, solche Artikel gibt es eher selten. Es wird ja nicht in der Montagsausgabe ein Wochenend-Resüme gedruckt.

Nun, es gibt Partyfotos.
Richtig, da können sich die Leute wahrscheinlich auch etwas abholen. Aber die Nacherzählung einer Klubnacht ist die grosse Ausnahme. Das wird bei Festivals gemacht, wo es nicht ausschliesslich ums Abfahren gehen und die Künstler letztlich in einem eher konventionellen Setting präsentiert werden. Konzerte sind dann auch Aufführungen, die man quasi rapportieren kann. Das ist viel einfacher.

Aber im Kulturteil haben ja auch überblickendere Artikel Platz, die Tendenzen zusammenfassen. Was auch eher selten unternommen wird.
Das wird ja auch gemacht – eigene Betriebsblindheit sei dabei natürlich nicht ausgeschlossen. Aber eben: Was wären denn diese Tendenzen – jenseits von reinem Spezialistentum -, die sichtbar sind oder die man verschlafen hat? Da fällt mir jetzt gerade nichts ein.

Höchstens, dass in der Schweiz momentan verstärkt produziert und veröffentlicht wird.
Ok, gut. Man kann mal etwas über die Zürcher oder gar Schweizer Labellandschaft schreiben, aber da geht es ja auch vorwiegend um personale Kontakte und Verbindungen.

Produzenten elektronischer Musik sind aber oft auch scheu und schwer zu erreichen.
Aber Musik machen sie ja trotzdem. Und dazu kann man hoffentlich immer etwas sagen, weil sich die Leute dazu stets etwas – oder auch explizit nichts –überlegt haben. Dass da eine Anonymisierung problematisch werden kann, würde ich nicht unterschreiben.

Ich meine nicht eine Anonymisierung, dennoch ist eine Szene ja immer auch ein eher hermetisches Gebilde.
Das weiss ich nicht. Meinst Du Selbstgenügsamkeit, Exklusivität?

Eher im Sinne von Ausverkauf, Glaubwürdigkeitsverlust oder dass man schief angeschaut wrid, sobald sich Erfolg einstellt.
Schon, aber jeder, der auftritt oder eine Platte herausgibt, produziert öffentlich und damit auch öffentlich diskutierbar.

Zeitungen haben dann auch keinen grossen Stellenwert?
Grosse Tageszeitungen für eine Szene wahrscheinlich nicht sehr. Der Austausch unter den Leuten passiert ja sowieso. Obwohl alle die bürgerlichen Medien lesen, ist deren Einfluss gering. Möglicherweise sind Radiosendungen und Fanzines von Fans für Fans wichtiger, aber auch da: Wenn es kein brennendes Interesse gibt, dann ist es wohl auch nicht nötig. Man kann sich dann lange aufregen, dass alles so lasch ist.

Interessiert Du Dich auch weniger für die Zürcher Elektronikszene, weil sie sowieso ein Nischendasein fristet?
Nein, ich finde ja toll, was herauskommt und die Musik klingt ja auch gut. Mir erschliesst sich schlicht die Sehnsucht nach einem «Sound», nach einer gewünschten Wirkungskraft nicht. Dieses seltsam heimelige Städtemarketing ist ja eher unsympathisch. Eigentlich ist ja die Zürcher Variante von Hausmusik, von Kammerkonzerten im traditionellen Sinn ja ganz lustig: Die Leute produzieren mehr oder weniger für sich und ein paar Freundinnen und Freunde, wobei es im Klub dann auch einmal dreihundert Freundinnen und Freunde werden können. Das ist doch sympathisch.

Klar. Trotzdem wird oft gesagt, die elektronische Musik sei klinisch tot.
Ja, generell hat die Wirksamkeit abgenommen. Schmal war diese Musik schon immer, trotzdem konnte sie wegen ihrer breiten Ausstrahlung diskursprägend werden. Das ist sicher vorbei. Ein bestimmtes personelles und musikalisches Segment hat Teile seiner Ausstrahlungskraft eingebüsst, klar. Es gibt aber heute sicher 18-Jährige, die wieder darauf abfahren.

Aber auch die Verknüpfung mit einer Protesthaltung hat sich erledigt.
Gut, alternativ war ein Teil der Technoszene schon, aber Protest? Aus meiner Warte gab es vor allem ästhetischen Widerstand gegen rockistische Standards. Und Techno hat sicher zu einem veränderten Verhältnis des heterosexuellen Mainstreams gegenüber Lesben und Schwulen beigetragen. Sonst wurden vorwiegend Alternativen formuliert, die darauf abzielten, während einer Nacht eine andere Welt zu haben.

Gut, aber Technofans und politische Gruppierungen hatten sich auch überschnitten und sich gemeinsam artikuliert, indem sie etwa Freiräume forderten.
Ja, und die Stadtaufwertung konnte dann solche realisierten Freiräume gut gebrauchen, man musste nicht einmal von einer Instrumentalisierung reden. Häufig wurde ja dieselben Leute zu Stadtaufwertern. Das innovative, schnelle und bissige Kleinunternehmertum feierte Urstände.

Das ist jetzt auch alles eher vorbei.
Die Musik scheint ja auch an die New Economy gebunden zu sein, zeitlich stimmt das wohl schon. Nicht im Sinn einer strengen Übereinstimmung, aber in einer gewissen lebensweltlichen Dimension: Viele Leute hatten Jobs, bei denen sie wenig arbeiten mussten und so mehr Zeit hatten, auszugehen, zu reden, etwas auf die Beine zu stellen oder auch nur im Café zu sitzen. Es stimmt wohl schon, dass mit dem Ende der New Economy auch die Breitenwirksamkeit und Ausstrahlung der elektronischen Musik nachliess. Das waren deckungsgleiche Entwicklungen. Aber die Musik gibt es ja immer noch. Sie hat sich womöglich gar nicht gross verändert.

Sie wurde allenfalls noch blöder.
Vielleicht.

Aber das ist interessant.
Der Aufschwung betraf ein gewisses Mittelstandssegment, das die Szene sowieso zu einem grossen Teil ausmacht. Zentral war der Alltag: Wenn man nicht viel arbeiten muss, kann man daneben etwas unternehmen. In anderen Städten sind es heute die billigen Mieten, in Zürich sicher nicht. Während der New Economy kam man auf einfache Art zu Geld, und gerade in den Bereichen, die sowieso mit elektronischer Kultur zusammenhängen, Webdesign oder Grafik etwa. So verstärkten sich New Economy und elektronische Musik parallel.

Was heute viel schwieriger zu bewerkstelligen ist.
Auf eine Art schon. Aber Konjunkturzyklen und Musikzyklen sind sicher nicht direkt gekoppelt. Aus anderen Gründen werden sich in Zukunft andere Dinge entwickeln.

Du beschäftigst Dich ja schon länger mit Musik. Hattest Du nie Lust, Dich lieber um Ballett oder Raumfahrt zu kümmern?
Nein, nein. Es gibt sicher gewisse Verlagerungen. Es gibt ja schlicht sehr viel Musik. Gerade höre ich gerne ältere Platten.

Glaubst Du denn auch, dass gute Musik mindestens dreissig Jahre alt sein muss?
Nein, aber auch bei älterer Musik lassen sich manchmal ganz neue Welten entdecken.


Autor: Interview: Pascal Blum / Bild: Parallelität
Veröffentlicht: 11.10.2006

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