|
|
Bist du auch Schwarz?
// Sie haben jetzt schon einen erstaunlichen Status erreicht: Henrik Schwarz und Kollege Dixon. Sie prägen Labels wie DJ-Kicks und Innervisions, indem sie Electro-Tracks neudimensionieren.
Henrik Schwarz ist die Entdeckung, heisser als ein ganzer schweizerischer Clubsommer. Der süddeutsche Alleskönner haucht der Electroszene viel Dampf ein. 2003 gründete er eine kleine Plattenfirma namens «Sunday Music», 2006 remixte er bereits Coldcuts legendären Song «Walk A Mile In My Shoes», und, und, und. Langsam horchen auch hiesige Veranstalter auf, nunmehr egal was der eher schmächtige DJ aus seiner Studiostolle befördert. Letzten August weilte Schwarz in Zürich und Basel. Sein Output an 12-Inches und an Remixen übersteigt allerdings den Horizont jedes Vinylfeinschmeckers: Er remixt Derick Carters «Where We At», indem er aus einem funky Track ein Minimalhouse-Epos für das Innervision-Label macht, gleichzeitig produzierte Schwarz mit Ricardo Villalobos zusammen eine 12 namens «Silverbird Casino Excerpts», ein Bestandteil einer, etwas bildhaft, vorangrabenden Techno-Compilation. Jedenfalls ist die neuste DJ-Kicks mit Henrik Schwarz eine andere Offenbarung.
Bist du auch Schwarz?
«Es ist für den Bauch wie für die Seele», kommentiert Henrik seine neuste Serie von gut 23 Stücken, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Erstaunlich: Man sah Zürcher selten schon so zucken, erquickt hüpfen als Henrik jüngst ein kickendes Set vorstellte. Schwarz oszilliert mit seinem vertrauten Lap von Garage-House bis zur «Moondogshow», eine legendäre Radioshow. Dabei werden bekannte Hits gemischt als gäbe es keine Grenzen zwischen Raum, Stil, Zeit bzw. Geschwindigkeiten. Merkwürdig auch: Der talentierte DJ, seit Anfang der 90er-Jahre aktiv, musste mit dem Lap seinen Weg ebnen, um bekannter zu werden. Er ging nämlich als Internet-Grafiker beim deutschen Label K7! Jahre ein und aus, designte hier und dort Kundenseiten, bis er vom A&R-Mann angekickt wurde: «Bist du auch Schwarz, der Remixer?». So gelangte der Computerfrickler und Plattenliebhaber 2006 in die Hall Of Fame der DJs.
Kollaborationen
Schwarz ist bei uns bekannt wegen Kollaborationen mit Âme und Dixon, beide Produzenten der Stunde. Die Berliner gefallen Technoheads, Soulbrothas, Techsteppper und Hiphopper gleichermassen. Kilometer entfernt von so genannter Unterhaltungsmusik zollt z. B. Dixon, dessen richtiger Name Steffen Berkhahn ist, internationalen Live-Acts Respekt. «Warum stehst du herum wie an einer Modenschau, wenn du abtanzen kannst», rief Dixon mit seinem Projekt Wahoo aus, was 2004 mit dem MC Capitol A zu so etwas wie einer solidarischen Clubhymne zwischen London und San Francisco avancierte. Dixon und seine Kollegen weiten gut und gerne die Hörgewohnheiten der Clubber aus, indem sie von braven 80er-Texturen ausgehen und in düsteren, hochgepitchten Science-Fiction-Melodien landen. Dixon ist nicht nur Resident im Berliner Tresor-Club, er ist auch die Antriebsfeder des kleinen, schweizerischen Nachtlebens, z. B. in der Zukunft. «Ich bin aber kein Vollzeit-DJ», meint Steffen und spricht die leidenschaftliche Arbeit für Sonar Kollektiv an, wo seine «Innervisions»-Serie erscheint.
Innere Ansichten und mehr
Steffen Berkhahn rutschte erst 2005 auf den Label-Chefposten nach, als er Jazzanovas Unterlabel für elektronische Musik, eben «Innervisions», übernehmen durfte. «Kürzlich zogen wir die Aufmerksamkeit von niemand geringerem als Carl Craig auf uns!», gesteht Dixon an einem Zürcher Konzert: »Die Detroit-Legende lobte uns, wir würden etwas sehr Relevantes machen. Ich wurde schon etwas nervös, als ich dies hörte.» Dabei müsste sich der gestandene DJ, seit 15 Jahren aktiv, keine Sorgen machen. Seine Zusammenstellungen sprechen Leute an, die sowohl zuhause als auch im Club gerne knarrende Athmosounds hören. Die erste «Innervisions» wird erstmals im Oktober digital als Compilation herauskommen. Nur einige auserwählte DJs erhielten bis jetzt die ausgesuchten 12-Inches auf Vinyl, doch Dixon ist dabei, die Tracks von u. a. Château Flight, Âme oder Tokio Black Star für alle zugänglich zu machen. Dixon, der Labelchef: «Wir werden nun Spuren für alle hinterlassen.»
Die 80er, Ende des Anfangs
Louie Vega von Masters At Work und Danny Krivit, zwei der bekanntesten Compilateure, hätten zurückgeschrieben, die Sounds von Âme, Dixon und Schwarz seien die «Plastic Dreams», die Plattenträume des neuen Jahrtausends. Offen gestanden: Es war alles schon einmal da Ende der 80er-Jahren bei afroamerikanischen DJs aus Grossstädten wie New York oder Detroit. Dazu die Labelbetreiber: «Ziel ist es, eben nicht zwanghaft futuristisch zu sein, sondern lieber zurückgelehnt zwischen den Zeiten zu schweben.» Henrik Schwarz jedenfalls muss bei seiner Plattenkollektion nie aktuellen Tracks hinterherrennen, Schwarz Idee: «Ich mache eine Hommage an die Musik, die ich liebe. Ich hatte wenig Zeit für den Mix, also richtete ich mich so ein, als würde ich ein Tape für einen Freund zusammenstellen.» Seine Discosounds, Beat-Elemente und abgeleiteten Melodien würden so manchen Stars hinter dem Sonnensystem, z. B. Marvin Gaye oder auch Stanley Kubrick, gefallen.
Henrik Schwarz: DJ-Kicks (K7/Namskeio)
Innervisions: Where We At (Sonar Kollektiv/Namskeio)
www.k7.com
www.myspace.com/henrikschwarz
www.sonarkollektiv.com
Autor: Miky Merz
/ Bild: Henrik Schwarz
Veröffentlicht: 15.10.2006
|
|
|
|
|
|