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Jetzterinnerungen
// Ein Album, nach dem man lange gesucht hat: Auf «Gugelimond» lassen zweiundzwanzig namenlose Tracks ein schillerndes Geflecht aus Sounds, ein kompliziertes Techno-Gewebe entstehen, das an jeder Stelle darauf verzichtet, elektronische Gebrauchsmusik zu sein. Der Zürcher Phil Rust, ehemals Schlagzeuger bei den Punkbands TNT und Hertz, hatte ein Electronica-Album vor Augen, das «nicht hämmert, sondern webt». Die Idee ist es, Samples, Drones, Rauschen und Flächen als Musikteilchen stark zu machen, ohne in gängige Track-Muster entlang von Snares und Hi-Hats zu verfallen.
So ensteht ein ausserordentlich fein gearbeitetes, ausgefeiltes Soundbild, bei dem die Elemente nicht wie bei gängigen Techno-Veröffentlichungen effekthascherisch aneinander vorbeitrommeln, sondern ineinandergreifen, voneinander abhängen. Wenn Techno im Verruf steht, entweder zu kalt oder zu plakativ zu sein, dann löst «Gugelimond» diese Vorwürfe im Sinne einer komplexen Soundcharasteristik auf. Sie wählt weder den einfachsten Weg noch erschöpft sie sich im reinen Lärmmachen. Alles entspinnt sich auf verschlungenen Pfaden. Und absehbar ist nichts davon. So hat Phil Rust auch noch gleich ein Rezept fürs angeschlagene Electronica-Genre parat: Der Formelhaftigkeit, dem Gefälligen und der Soundesoterik entsagen und sich stattdessen an eine Musik wagen, die so verknotet ist wie die Zeit, in der sie ensteht.
Es ist nämlich schon erstaunlich, wie wenig Phil Rusts Electronica-Entwurf mit dem abweisenden Klanginstallationsabstraktum im Kunstraum zu tun hat. Wie die Stücke auf «Gugelimond» zwischen komplexem Techno und Industrial, sphärischeren Sounds und Ambient-Pop changieren, zeugen sie stets von Wärme. Es sind Stimmensamples zu hören, auch ein Gitarre, und die ursprüngliche Idee, eine radikale White-Noise-Platte zu machen, wurde zugunsten einer melodischeren Ausrichtung wieder fallengelassen. So ist «Gugelimond» betörend, anmutig und ein grosses Stück geheimnisvoll. Der Titel stammt aus dem Zuger Dialekt, und bedeutet Salamander.
kommerz: Hattest Du bestimmte Stimmungen für einzelne Tracks im Kopf?
Phil Rust: Die CD ist als Reise durch unterschiedliche Klanglandschaften angelegt. Die einzelnen Tracks haben sich aber erst im Lauf der Arbeit voll herausgebildet und haben meist mehrere Metamorphosen durchgemacht. Dabei entstanden oft ungeplante Wendungen, die auch mich selber überraschten.
Was bewog Dich, von abstrakten Klavierkompositionen zum zaghaft melodischen Electronica-Sound hinüberzuwechseln?
Bei der letzten CD habe ich die Klavierstücke aus der Lust am Experimentieren im Pianoroll-Editor entwickelt. Ich habe z.B. chinesische Schriftzeichen auf den Computermonitor projiziert und mit Noten nachgezeichnet. Die daraus resultierende Musik war damit von nicht-musikalischen Ereignissen oder Ideen bestimmt. Deshalb auch der Name «Musica astratta e concreta» in Anlehnung an die abstrakt-konkrete visuelle Kunst. Man hätte durchaus in diese Richtung weitergehen können und eine Musik im Zusammenhang mit visuellen Installationen daraus entwickeln können. Mich zog es aber in den Raum selber hinein. Ich wollte die Musik ohne optische Hilfen im Raum sichtbar machen, sodass der Zuhörer die Musik praktisch mit den Ohren sieht. Insofern ist die neue CD ein grosser Schritt vorwärts.
Dann hattest Du ein genaues Ziel vor Augen, wie «Gugelimond» klingen sollte?
Ja, unbedingt. Ich wollte unterschiedliche Räume mit ihren akustischen Eigenheiten und Färbungen abbilden. In der Natur kann man oft beobachten, wie (Sonnen-)Licht in kaum beschreibbaren Farbtönen und Farbmischungen auftritt. Die Musik sollte so ähnlich klingen - nicht klar festgelegt oder definierbar, sondern vielschichtig, diffus. Mehr erinnert als effektiv gehört. Die Samples symbolisieren dabei das Erinnern. Wie in der Erinnerung, kann manches dabei aber klarer, anderes dagegen diffuser vorhanden sein.
Die Musik hat etwas Leichtes und Zierliches, aber auch etwas Gespenstisches. Kennst Du vergleichbare Musik? Was hast Du während der Aufnahmen fürs Album gern gehört?
Nein, ich kenne keine vergleichbare CD. Ich höre alles, was mir über den Weg läuft, aber was ich an Musik höre, hat mit dem, was ich mache, nichts zu tun (allerdings schnappe ich mir hier und dort ein Sample, das ich dann in meinem eigenen Kontext eventuell verwende). Ich habe in letzter Zeit gern meine alten 70er-Rockscheiben aus der Jugend gehört. Aktuelle ektronische Musik höre ich wenig. Ich halte mich aber bei Rap immer auf dem laufenden - egal ob Hiphop jetzt angeblich tot oder lebendig sei. Für mich bleibt Rap lebendig.
Bist Du Avantgarde?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube eher nicht. Avantgarde würde ja bedeuten, dass ich einen zukünftigen Trend vorwegnehme. Ich befinde mich aber irgendwie ausserhalb eines Trends. Meine Musik steht heute allein da und wird wohl auch morgen noch allein dastehen. Mit dem muss ich mich abfinden. Es ist der Preis, den ich dafür bezahle, dass ich etwas ganz Eigenes mache.
Phil Rusts «Gugelimond» erschien beim Eigenlabel UniversumKatze und kann in ausgewählten Plattenläden und über philrust@musicfamily.com gekauft werden.
www.myspace.com/gugelimond
www.myspace.com/philrust
Autor: Pascal Blum
/ Bild: Cover
Veröffentlicht: 03.05.2007
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