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Waffen und Strategien
// Das Thema des Podiums «Das ist nicht mein Problem. Pop und Überleben» am 6. und 7. Juli in der Shedhalle Zürich erwies sich als vielfach schillernde Klammer für eine inspirierende Bestandesaufnahme von Pop auf dem Machtfeld des Kapitalismus. «Überleben im Kapitalismus» hätte man es auch nennen können, wie Martin Büsser (Testcard, Ventil-Verlag) danach herausfand. Vor dem Hintergrund der Beobachtung, dass Pop mit «Live Earth», iTunes etc. in der Mitte der Gesellschaft und beim Mittelstand angekommen ist, stellte sich vor allem eine Frage: Hat sich das klassische Dagegensein überlebt, wenn der Kapitalismus jegliche Kritik inkorporiert, egal ob sie sich Wiederverzauberung, Subversion oder Gerechtigkeit auf die Fahne schreibt?
Vor etwa fünfzig Leuten vertrat diese Ansicht die quirlige Mercedes Bunz (De:Bug, Tagesspiegel). Laut ihr gebe es im Pop kein Aussen mehr, die Kritik sei aber als Waffe weiterhin nicht aus der Hand zu legen: Das gesellschaftliche Mitmachen als vertrieblichtes Selbst führe keineswegs in die Selbstzerfleischung, sondern biete Hand zu neuen Formen der Alternative. Selbst eine Firma zu sein, sei dann nicht schlecht, wenn die Firma etwas Gescheites vertrete. Den neuen Protest sieht Bunz in der Lokalisierung der Macht, und der eingetrudelte Gast Holm Friebe («Wir nennen es Arbeit») plädierte für neue Strategien, um Marginalisiertes wieder sichtbar zu machen. Philipp Schnyder von Wartensee (Migros Kulturprozent) reaktivierte da gleich den alten Gedanken, über die Abgrenzung der Musikstile werde Identität produziert, und wer alle seine Persönlichkeitsfacetten in einer Musikband wiedersehen möchte, finde diese Band in aller Regel.
Martin Büsser und Sonja Eismann (Spex, ehemals Intro) hielten dagegen, konkrete Ausbeutungsformen gäbe es sehr wohl weiterhin: Immer noch verdienen Frauen weniger, Selbstausbeutung und Aktivierungsrhetoriken gäben den Ton an und die Musikmedien hätten sich auf eine fortgeschrittene, gleichgeschaltete Langeweile verlegt. Sonja Eismann vertrat ihr berechtigtes Anliegen, für Frauen gäbe es keine Modelle, um mit dem Altern im Pop fertig zu werden. Martin Büsser wünschte sich neue Orte, an denen die Avantgarde wieder zum Thema gemacht wird.
Dem Ablehnen mit Adorno und einer womöglich etwas nostalgischen Sicht auf die 1980er-Jahre des Undergrounds setzte Mercedes Bunz eine affirmativere Haltung entgegen, die versuchen will, sich in der Komplexität zurechtzufinden. Vielleicht ist dabei sogar der Versuch, die Mechanik des Erfolgs einer Band wie zum Beispiel der behaglichen Arctic Monkeys zu erklären und hinzustellen, radikaler als die Band zu hassen. Dennoch entstand der Eindruck, in der dunklen Machtmaterie könne man sich auch sehr schnell verlieren: Der rasende Blick im Nebel der Komplexität übersieht womöglich allerlei manifeste Ungerechtigkeiten. Und fällt man dabei nicht auch auf eine Rhetorik der Teilhabe an der digitalen Popverwirklichung herein? Schliesslich muss man sich das «intelligente Leben jenseits der Festanstellung» auch leisten können.
Mercedes Bunz wollte wissen, was die Organisatoren mit ihrem Verweis auf die Authentizität eigentlich gemeint haben. Das soll hier kurz beantwortet werden: Vor der Kulisse einer angeblich zersplitterten Popkultur fiel uns auf, dass besonders in den Medien immer wieder auf einen Minusstand an Authentizität hingewiesen wird, der etwa von einer neueren amerikanischen Folk-Musik (Innerlichkeit) oder jungen Rockbands (Ehrlichkeit) kompensiert wird. Obwohl wir von solchen Ersatzstoffen nichts halten, erstaunt uns dieses Festhalten an Authentizität. Folgt man hingegen Eve Chiapello und Luc Boltanski («Der neue Geist des Kapitalismus»), dann besteht die Krise der Authentizität in einer konnexionistischen Welt gerade darin: Einerseits soll man unverstellt auf die Leute zuzugehen, andererseits kommt nicht vorwärts, wer sich immer nur selber bleibt.
Das «Unbehagen an der Behaglichkeit» (Moderator Mischa Suter, u.a. Tages-Anzeiger) konnte man dann am zweiten Abend zu spüren bekommen, wo sich eine weitaus intimere Runde einfand: Big Zis, Dani Oertle (Offstream, Sündikat), Nino Kühnis (Quiet Records), Samuel Iseli (Boschbar) und Björn Schaeffner (Radio Rabe) diskutierten entspannt und hochreflektiert über ihre alltägliche Arbeit mit Musik. In den Nischen, teilweise weitab vom Mainstream, herrscht offenbar ein gewisser Wohlstand: Zwar kann niemand von seinen Tätigkeiten leben, doch das will auch gar keiner und gar keine. Vielmehr zeigt sich da eine besessene Beschäftigung mit Popmusik, umgegeben von relativ offenen Handlungsräumen und wenig Vereinnahmungen. Betreibt man Pop als Hobby, muss sich das Selbst offenbar nicht besonders unternehmerisch verhalten. Theorie und Praxis scheinen sich da offenkundig wenig zu sagen zu haben.
Andererseits war der zweite Abend auch Ausdruck einer Schweizer Diskussionkultur, die wohl etwas gemütlicher ist. Streit gab es wenig, was vermutlich gleichviel an der Auswahl der Leute lag wie an einem grundsätzlichen Gefühl des Luxus. Frappierend war dabei, dass im Arbeitsalltag mit alternativer Popmusik immer noch klar zwischen Mainstream und Subkultur unterschieden wird. Nino Kühnis machte sich da für eine Dreiteilung stark: Der Subkultur solle man noch einen Unterbau der selbstgebrannten CDs und handkopierten Fanzines hinzudenken. Vielleicht wäre es noch hilfreicher, man würde zwischen Netzwerken von verbreitetem, zugänglichen Wissen und Geheimwissen unterscheiden: Eine «Offstream»-Party kann schliesslich auch in «20 Minuten Week» angekündigt werden (wie «Pop und Überleben» übrigens auch), hat also spätestens dann nicht mehr viel mit der Subkultur zu tun. Dabei sind die marginalen Internetseiten, die geheimen Partys, die spontanen Treffen und die versteckte Weiterreichung von Musik, zum Beispiel über gebrannte CDs oder MP3-Sammlungen, vermutlich eher als Subkultur, oder besser als Geheimkultur zu bezeichnen.
An dieser Stelle herzlichen Dank an alle, die hingekommen sind, um zu hören, zu diskutieren oder sonstwie mitgeholfen haben. Danke auch an Migros Kulturprozent für die Unterstütztung. Wie fandet Ihr das Podium? Reaktionen würden uns freuen (pascal@kommerz.ch).
www.elendundvergeltung.com
www.shedhalle.ch/dt/presse/index.shtml
www.shedhalle.ch
Autor: Pascal Blum
/ Bild: Flyer
Veröffentlicht: 09.07.2007
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