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Die Plünderer

// Es ist nichts Geringeres als das Böse, gegen das Sun Electric mit ihrem Archivmaterial «Lost + Found» antreten. Neuerdings leide man unter der Vorherrschaft einer zur Funktionalität erstarrten elektronischen Zirkusmusik, die ausgerechnet im Songformat ihren Heilsbringer gefunden habe. Nu-Rave sei ein plattes Gemenge von Rave-Klassikern und Punk-Konzepten, Minimal zur cartoonesken Seelenfrostigkeit einer einst aufregenden Idee vereist. Dies alles schreibt das Label zu «Lost + Found» und traut damit der Musik von Tom Thiel (Bus, Ocean Club) und Max Lodenbauer mindestens die Weltrettung zu.

Es kommt noch dicker: In den neunziger Jahren seien Sun Electric die Genre-Erneuerer schlechthin gewesen: Die Sex Pistols des Ambient. In der Tat hatte das Duo sechs Alben auf dem belgischen Label R&S/Apollo herausgegeben und dabei am Entwurf einer elektronischen Musik gearbeitet, der man die Etikette «intelligent» verpasst hatte. In der Folge haben sich die beiden neuen Ideen zugewandt. Tom Thiel versuchte sich mit Bus an abgehangenem Hiphop und machte mit Dabrye gemeinsame Sache. Max Lodenbauer formierte sich mit Tobias Freund als NSI und gründete gemeinsam mit Chica Paula Chica and the Folder. Ende der neunziger Jahre schienen Sun Electric verschwunden.

Nun haben die beiden eine längst vergessene CD-R aufgestöbert. Es ist eine Zeitkapsel, die uns vor den raumgreifenden Minimal-Hype zurückwirft und der Musik ihren Raum lässt. Auf «Lost + Found (1998-2000)» greifen Breakbeats und Ambient-Muster ineinander. Der Sound gewinnt durch seine Komplexität und seine Unmittelbarkeit. Die Tracks seien nicht überproduziert, schwärmt das Label Shitkatapult, und tatsächlich fehlt ihnen die spiegelglatte Aufpolierung, der heutige Computermusiker anhängen. Sun Electric hatten eine direkte, beschwingte Idee von Musik, die gerade jetzt wieder aktuell wird, wo die Hörer von jenem Klubsound die Nase voll haben, den es gibt, weil ihm bedienerfreundliche Software und unzählige Discolieferanten ohne Rückgrat die Absolution erteilen.

Mit «Lost + Found» plündern Sun Electric ihr eigenes Archiv, das selbst schon eine Plünderung ist: Soul und Funk wird hier zu eine aufregenden Electronica-Mixtur zerstückelt und zu anmutigen Patterns verwoben, dem Dub wird ein vergnüglicher Dreh gegeben und auch der Jazz halt durch die Echokammern des süffigen Albums. Es ist eine unterhaltsame Art, ein Experiment zu betreiben, denn abweisend wird es bei Sun Electric nie. Die Tracks auf «Lost + Found» atmen den Geist einer Zeit, als der Downbeat noch nicht zur flächendeckenden Ruhigstellungsmusik geronnen ist, sondern eine neue, aufregende Version von einem entschleunigten elektronischen Sound versprach. Sun Electric haben angefangen, was heute Mapstation, Jan Jelinek, Dominik Eulberg oder Labels wie Kalk Pets auf andere Weise weiter betreiben.

Das Material auf «Lost + Found» wurde zwischen 1998 und 2000 aufgenommen, vor dem Ende des «letzten elektronischen Sommers», wie Shitkatapult meint, der mit 9/11 für beendet erklärt worden sei. Möglich, dass die Attacken einen Einschnitt eingeführt haben, bei dem die Unbeschwertheit jäh abgebrochen ist. Schaut man sich die Berliner Afterhour-Szene an, möchte man aber daran zweifeln: Ist es denn nicht immer noch Sommer? Sicher hat sich der Sound gewandelt. Heute klingen die Ausgrabungen auf «Lost + Found» seltsam vertraut, gleichzeitig scheint die Musik auch von weit her zu kommen. Als wäre es etwas, das man schon verloren glaubte.

Zur Begleitung des Albums haben Ricardo Villalobos und Thomas Fehlmann den graziösen Einstiegstrack «Toninas» neu bearbeitet.

kommerz: Nach welchen Kriterien habt Ihr eure Tracks aus dem Archiv
ausgewählt?

Tom Thiel: Das ganze Archiv bestand in diesem Fall aus einer CD-R, die wir 2000 bei Stephan Remmler auf Lanzarote gelassen hatten. Ich fliege da ab und zu hin, um Stephan mit neuer Technik zu versorgen. Da ist sie mir das letzte Mal in die Hände gefallen. Wir haben dann nur noch ein oder zwei Tracks ausgetauscht mit welchen, die wir noch rumliegen hatten.

Was mögt ihr an aktueller elektronischer Musik? Was stört euch?
Es scheint gerade so eine Art Spaltung im Gange zu sein, das haben uns ein paar Freunde erzählt: Mach Dancefloor zum Geldverdienen und die Musik, die du wirklich machen willst, nebenbei. Das ist eher traurig. Das wird sich aber auch wieder ändern, denke ich.

Wo seht ihr Euer Genre - Ambient oder Electronica, oder wie ihr es
selbst nennt - heute?

Wir machen gerade gar nichts Neues zusammen. aber wenn wir es tun würden: Experimental.

Stellt ihr Euch mit der Rückschau auch gegen die herrschende Releaseschwemme?
Von der Releaseschwemme bekommen wir gar nicht so viel mit, wir haben ja kein Label und sind auch keine DJs. Aber jeder erzählt es uns. Mit «Lost + Found» wollten wir aber sicher kein Statement irgendwelcher Art abgeben. Es sind da Tracks drauf, die wir gerade heute wieder interessant finden, weil sie eben nicht dem vorherrschenden Trend entsprechen.

Die letzten Sommertage der elektronischen Musik waren mit 9/11
beendet, schreibt Euer Label. Darf man «Lost + Found» als nostalgische, romantische Geste verstehen?

Für uns ist «Lost + Found» nicht nostalgisch. An etwas Nostalgischem hätten wir kein Interesse. Wir hoffen viel mehr, dass es als eine Art Gegenstandpunkt zur derzeitigen Musik gesehen wird. Wenn wir nicht überzeugt gewesen wären, dass die Tracks auch heute noch - oder gerade heute wieder - aktuell sein könnten, hätten wir sie nicht rausgebracht.

Sun Electric, Lost + Found (1998-2000) ist im Oktober 2007 bei Shitkatapult erschienen.

www.myspace.com/sunelectricberlin
www.shitkatapult.com

Autor: pascal@kommerz.ch / Bild: Pressefoto
Veröffentlicht: 15.02.2008

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