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Leben statt Überleben

// Piraterie, Raub und Verderben, Kollaps. Glaubt man den WortführerInnen der Musikindustrie, steht es schlecht ums Überleben im, mit und durch Pop. Doch vom Sterben bedroht ist höchstens der Markt.

Für gewöhnlich können die Töpfe nicht schwarz genug sein, in die die Musikindustrie greift, um düstere Bilder von kriminellen Horden hinter dicken Internetleitungen und prall gefüllten Festplatten zu malen. Kreuz und quer wird kriminalisiert, zwölfjährige Mädchen werden in den Augen der Gralshüter des Copyrights auf eine Stufe gestellt mit professionell agierenden Raubkopierern: Weil hier das Übel anfängt und da zwölfjährige Mädchen einfacher einzuschüchtern und auszuhebeln sind als mafiöse Zirkel aus der Halbwelt. Dienen soll dieses inquisitorische Vorgehen den KünstlerInnen, wie die Industriepatrons oder genauer ihre Anwälte altruistisch verlauten lassen. Ganz Verwegene weisen darauf hin, dass die weltweit angestrengten Verschärfungen der Urheberrechte im Sinne der KonsumentInnen geführt würden, die sich geprellt fühlten, weil sie die von den KopiererInnen verursachten Gewinnausfälle letztlich berappen müssten.

Gewöhnlich nicht erwähnt wird, dass dieselben KonsumentInnen sich eventuell auch geprellt fühlen, wenn sie 32.50 Franken für einen Silberling hinblättern, der in der Produktion gerade mal Fr. 2.- gekostet hat. Oder dass dieselben KonsumentInnen, die 32.50 Franken hinblättern, ihre CD wegen DRM und Kopierschutz nicht einmal in ihrem Laptop hören können. Was die Industrie tatsächlich eher als das Überleben der KünstlerInnen und das Überleben von Pop zu denken geben sollte: ihr eigenes Überleben als Vermarktungsinstitut. Als solches schert es sich wohl um Pop. Allerdings nicht um Pop als Medium, Kunstform oder Katalysator, sondern lediglich um Pop als Roh- und als Treibstoff, der in ihren Augen ohne ihre Politur und ihr Branding kaum bestehen könnte.

Die Industrie braucht Pop, aber Pop keine Industrie

Dem ist aber nicht so. Dass die Industrie Pop zum Überleben braucht, liegt auf der Hand. Dass Pop die Industrie zum Überleben braucht, wurde lange Zeit einfach mal an- und hingenommen. Finanzierungskraft, Knowhow in der Aufnahmetechnik, Organisation, Überblick und Marketing, vor allem aber Vervielfältigung und weitverzweigte Vertriebskanäle waren schlagende Argumente für MusikerInnen, den Bärenanteil der Gewinne ihrer Tonträger abzugeben, um dafür in jedem Plattenladen mit Tonträger und Pappfigur präsent zu sein. Mit Punk und mehr noch mit Hardcore begann sich diese vermeintlich absolute Wahrheit aber langsam aufzuweichen. Das Prinzip des Selbermachens erreichte seither immer weitere Musikstile, von Twee über Indiepop bis hin zum alternativen Hiphop. Mal mehr, mal weniger Bands veröffentlichten seit den 1980er-Jahren ihre Platten auf ihren eigenen Minilabels und vertrieben sie selbst oder via Minivertrieben.

Freiwillig, engagiert, um der Sache willen: D.I.Y. Diese drei Buchstaben waren und sind noch immer zentrale Lettern in Szenen, die aus sich heraus und für sich produzieren, in kleinen Auflange, mit grossen Herzen und so dafür sorgen, dass das Geld da bleibt, wo es hingehört: in die Produktion und eben nicht auf ein ständig wachsendes Bankkonto irgendwelcher MagnatInnen. Das An-Sich-Reissen der Produktionsmittel durch die MusikerInnen selbst ist aber nur ein Weg der sachten Demontage des Marktes. Der Wildwuchs an qualitativ guter Musik, die ohne die Industrie durchkommt, die so entstehende Unkontrollierbarkeit und Unüberschaubarkeit sind weitere Striche durch die Rechnungen von grossen Plattenfirmen, die stets auf Bündelung und Schulen und 1001 gecastete Klonprodukte gesetzt und die Märkte so lange geflutet haben, bis man die Musik nicht wirklich mehr hören konnte (Stichwort Eurodance).

Selbermachen, freier sein

Das Prinzip Selbermachen erlaubt dagegen, zu tun und zu lassen, was die Kreativität gebietet, wann, wo und wie auch immer. Vor allem aber treibt es einen Keil in das Verhältnis von KünstlerInnen und VermarkterInnen. Dank der immerzu fortschreitenden Digitalisierung und der Demokratisierung von Information und Wissen bricht die scheinbar in Stein gemeisselte Bedürfnisverschränkung von kreativem Geist und unternehmerischer Denkansätze auf, und zwar zugunsten der MusikerInnen. Der Wissenstransfer fliesst dank Internetforen in fast allen Bereichen der Musikproduktion ungehindert. Wer sich über Mindestauflagen bei Vinylproduktionen in lokalen Presswerken schlau machen will, findet diese Informationen normalerweise innert Kürze, genauso wie Tipps und Tricks darüber, wie die Mikrofone bei Schlagzeugaufnahmen am besten positioniert werden.

Die wohl umfangreichste diesbezügliche Umwälzung findet sich denn auch in der letztgenannten Prozessstufe. In Musikaufnahme und Produktion stellen Konzepte wie das Physical Modelling, das Instrumente in ihren physikalischen Eigenschaften so getreu nachbildet, dass sie nur für das Profiohr vom Original unterscheidbar sind, alles auf den Kopf. Über den richtigen Verstärker, das längst verschollene Effektpedal, oder den legendären Sound eines bestimmten Studios zu verfügen, wird dadurch immer mehr zur Softwarefrage, die darüber hinaus nicht nur von eigens dafür konzipierten, teuren Workstations sondern auch von Heimcomputern aus betrieben werden können. Damit fällt ein gewichtiges Argument, das für ein Zusammengehen mit der Industrie sprach: die initiale Grossinvestition, die in früheren Zeiten zum Aufbau eines Popsterns zwingend dazugehörte. Wenn von der Raumakustik bis zum Mikrofontyp, von der Bandaussteuerung bis zum Lautsprecher, vom Röhrenklirren des Gitarrenverstärkers bis zum analogen Fünfzigerjahre-Federhall virtuell alles auf einen Mausklick verfügbar ist, fallen nicht nur hohe Studiokosten, sondern fällt auch das Bedürfnis weg, mit einem Investor in Verhandlungen zu treten.

Die Demokratisierung durch Digitalisierung macht aber nicht bei den Produktionsbedingungen Halt. Auch in Vervielfältigung und der Distribution zeigt sie grosse Wirkung. Die schwedische Twee-Szene setzt beispielsweise seit mehreren Jahren auf selbstgebrannte CD-Rs in handnummerierten Kleinstauflagen. Die CD-Rs mögen nicht so professionell daherkommen, laufen dem Massenprodukt CD in Sachen Intimität aber bei weitem den Rang ab. Auch Tapelabels arbeiten mit dem Mehrwert Authentizität und haben wohl nicht zuletzt dadurch eine stetig wachsende Klientel, die auch gerne bereit ist zu bezahlen, solange sie ein echtes Produkt, oft genug ein personalisiertes Unikat, erhält. Was die Distribution betrifft, so sind es vor allem effizient arbeitende Komprimierungsalgorithmen wie MP3, AAC oder OGG/VORBIS, die einen raschen und potenziell unlimitierten Austausch und Vertrieb von Musik über Internetprotokolle ermöglichen. Nicht zuletzt können über dezidierte Musikcommunity-Websites wie Purevolume.com oder Myspace.com Zielgruppen direkt angesprochen werden; ohne lästige Augenwischerei und Marketinggeschrei, sondern konzentriert auf den Gegenstand, auf den sich das Pop-Karussel eigentlich schon immer hätte konzentrieren sollen: die Musik.

Die angeschnittenen technologischen Entwicklungen und die Wege, wie Popschaffende sie sich zu Nutzen machen, helfen Pop im Endeffekt mehr, als sie ihm schaden. Nach der Glitzerflut und dem audiovisuellen Perfektionswahn sind es vermehrt wieder krakelige Verpackungen, die Aufmerksamkeit wecken und die den Blick weglocken vom zum blanken Brand verkommenen Massenprodukt Pop hin zu Pop als Medium und Ausdrucksmöglichkeit. Die Sozialisierung und Dezentralisierung der Produktionsmittel führt damit tatsächlich nicht zu einem Kollaps, sondern zu grösserer Vielfalt und potenziell kompromissloserer Umsetzung von kreativen Visionen, da die Kosten und – daran gekoppelt – der Verkaufsdruck durch die Digitalisierung und Demokratisierung von Produktion und Distribution von Musik immer weiter schwinden. Die permanente Erreichbarkeit von Musikinhalten als letzte Konsequenz stellt so gesehen eben gerade keine Entwertung der Musik dar. Zumindest nicht aus der KünstlerInnenperspektive. Vielmehr ist sie, ökonomisch gesprochen, ein ausgesprochener Lucky Punch: maximale Wirkung bei sich minimierenden Kosten. Gut möglich, dass diese Entwicklungen der Popindustrie den Kopf kosten. Pop selbst aber dürfte durch sie nur stärker werden.

Dieser Text entstand anlässlich des Podiums «Pop und Überleben» im Juli 2007 in der Shedhalle in Zürich, organisiert von «Elend & Vergeltung» und kommerz.ch


Autor: Nino Kühnis / Bild: Ein Kopierer
Veröffentlicht: 05.02.2009

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