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Seit vielen Jahren kreierst du vielfältige Welten mit deinen Figuren. Sie machen Werbung, sie tanzen in Clubs, sie erleben viele Geschichten. Woher holst du die Inspiration für die vielen Geschichten und Situationen? Es scheint, als seist du eine Kreations-Maschine, die ohne Pause produziert. Woher hast du diese Energie und die nötige Motivation?
Ehrlich gesagt habe ich etwas Mühe deine Frage zu beantworten. Ich habe bereits schon zwei- oder dreimal angefangen, aber den Text wieder gelöscht, weil ich nicht zufrieden war mit meiner Antwort. Es ist superschwierig zu sagen woher man die Inspiration nimmt, oder woher ich sie nehme. Ich kann versuchen anhand von einem Beispiel zu zeigen wie ich vorgehe: Kürzlich musste ich die Geschichte von Blaubart für ein Projekt neu interpretieren. Da kam mir nach längerem Grübeln plötzlich ein blaues Dreieck in den Sinn, welches sein Bart repräsentieren könnte und zack, ich sah Blaubart bildlich vor mir: Eine Kugel mit einem blauen Dreieck als Bart. Dann musste ich die Frau (seine Antagonistin) erschaffen und päng ich hatte sie: Ein rotes Dreieck mit einem kleinen runden Kopf und zwei Ärmchen. Ehrlich gesagt hatte ich diese Frau in einem anderen Film schon gesehen. Sie hatte die Hauptrolle im zehnminütigen Vj-remix von Miss Kittin für das label addictive TV gespielt. Ich fragte, ob sie die Rolle für Blaubart annehmen möchte, und sie war begeistert. Ok, ich musste da natürlich eine entsprechende Gage für sie lockern. In meiner Interpretation geht es um Liebe: Blaubart kann nicht lieben (die Farbe Blau des Bartes symbolisiert die Kälte) und die Frau repräsentiert die Liebe par Excellence (rot symbolisiert die feurige Liebe). Es geht um diese Beiden Gegensätze = zwei umgekehrte Dreiecke. Dann ging es nur noch darum die Geschichte zu inszinieren. So in etwa funktioniere ich.
Ich wage einen Gedankengang: Man könnte behaupten, dass deine Arbeit grafisch sehr reduziert und plakativ funktioniert und ziemlich leicht verständlich ist. Dazu kommt, dass deine Illustrationen und Animationen sofort als Arbeit von dir erkennbar sind. Das bietet doch viel Potential für kommerziellen Erfolg. Aber trotzdem auch eine Basis für vielseitigen Einsatz. So hast du z.B. schon Werbeclips gemacht, ohne dabei als Künstler an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Du bist auch aktiv in der Subkultur. Damit scheinst du eine Glaubwürdigkeit auf allen Ebenen erreicht zu haben. Und musst dich nicht damit plagen, wie erfolgreich du sein darfst, um für die Subkultur noch glaubhaft zu sein, oder wie unverständlich deine Arbeit sein muss, um nicht als banal zu gelten. Bist du Grafiker und Künstler und Unterhalter? Oder ist François Chalet mehr als das, nämlich ein Schöpfer fern irgendwelcher Eingrenzungen und Definitionen?
Noch vor nicht allzu langer Zeit habe ich mir solche Fragen nicht gestellt. Ich machte einfach. Neuerdings muss ich zugeben, das ich in letzter Zeit ab und zu überlege ob ich einen Job machen sollte oder nicht. Ich bin ja auch nur ein Mensch und manchmal halt verunsichert. Ich glaube aber dass es nicht nur darum geht für wen man etwas macht, sondern was man macht. Ich denke, da bin ich bis auf wenigen Ausnahmen ziemlich nahe bei mir geblieben. Wenn mir also z.B. eine Bank die Möglichkeit bieten würde eine Geschichte zu erzählen und der Inhalt könnte sein, dass Geld nicht unbedingt glücklich macht, dann könnte ich mir gut vorstellen, das zu machen. Auf die Frage was ich bin: Ich sehe mich als Geschichtenerzähler mit dem Anspruch zu unterhalten aber mit einer gewissen Eigenständigkeit. Ich träume von einer vielfältigen Welt. Je mehr unterschiedliche Stimmen es gibt desto interessanter ist es doch! Mir gefallen Persönlichkeiten, mir gefallen leute, die etwas eigenes auf die Beine stellen. Letzten Sonntag habe ich mit meiner Sonne drei DVDs angeschaut (die Sammlung ihrer Videoclips): Eine von Chris Cunningham, eine von Spike Jones und eine von Michel Goundry. Die sind alle Video "directors" und so unterschiedlich, aber so geil! (ausser Spike Jones, den fand ich nicht so spannend)
Ich habe zugehört, wie du mit einem Künstler über deinen "Money, Success, Fame, Glamour"-Clip gesprochen hast. Der Clip erzählt von jemandem, der umjubelt mit der Limousine kommt, und irgendwann dann wieder mit dem Fahrrad nachhause fährt. Der Künstler hat eine grosse Sprechblase voller Interpretation und Philosophie in die Luft gesetzt. Ich habe dann zu bemerken geglaubt, dass du eigentlich einfach eine kleine Geschichte erzählten wolltest, die jeder verstehen kann, und es nicht dein Ziel ist, mit einem Bild oder einer Animation aktiv irgendetwas zu kritisieren oder zum interpretieren anzuregen. Es scheint, als seien deine Figuren mit der Welt zufrieden, in die du sie setzt. Es scheint, als sei diese Welt so klar, dass sie keine Interpretationen braucht. Vielleicht ist es eine Welt, die einer kindlichen ziemlich nahe kommt?
huiuiui ... das ist eine gewagt Behauptung. Ich weiss nicht ob es kindlich ist. Ich kann nur sagen wie die Idee kam: Bei den vier Worten: Money Success, Fame und Glamour kam mir automatisch eine steigende Kurve in den Sinn. Man möchte ja immer mehr davon. Dann hatte ich aber das Bild vom Berg. Was man hoch geht, geht man auch runter. Dann hatte ich auch das Bild einer Party. Man geht hoch (in diesem Fall die Dachkantine), die Euphorie steigt, das Adrenalin auch, dann kommt irgendwann um drei der Höhepunkt, und dann geht man irgendwann etwas müde nach hause, zu sich oder auch nicht, halt auch wieder dieser Berg. Ich will da nicht moralisieren, ich erzähle nur aus meinen Beobachtungen.
In der Welt deiner Figuren gibt es vielleicht weniger Gesetzmässigkeiten. Die Figuren können mehr als Menschen, sie sind alle gleich wertvoll, keiner ist der Star. Ist François Chalet ein wacher Träumer? Was unterscheidet seine Phantasie von jener, die er als Kind hatte?
Ich komme nicht ganz draus, was jetzt die Frage ist. Es gibt die Realität, wenn ich z.B. ein Brief der Steuerbehörde bekomme, oder wenn ich nicht schlafen kann, weil die draussen um Punkt acht Uhr anfangen zu Hämmern. Dann gibt es die Phantasie, die Träume, die Gefühle oder die Liebe, Orte wo Fische im Himmel schwimmen können. Als Kind bekommt man noch nicht so viele Briefe von der Steuerbehörde und um acht sitzt man bereits auf dem Bauch der Eltern. Hmmm ... ich denke ich habe da deine Frage nicht ganz beantwortet, alors ... Ich weiss noch als Kind schaute ich mal zwei Strassenlaternen zu, wie sie sich unterhielten, auf Stühlen wollte ich mich nicht setzen, weil ich dachte es seien Lebewesen und ich wollte sie nicht verletzen. Zeitweise dachte ich wir haben einen unsichtbaren Lebensfaden, so eine Art Nabelschnur. Ich passte schön auf, dass sie sich nicht allzu fest verstrickte, denn sonst würde man langsamer und langsamer werden und schliesslich sterben. Heutzutage setze ich mich nur noch auf starke Stühle und den Faden habe ich abgeschnitten, fühle mich jetzt viel beweglicher ohne.
www.francoischalet.ch
www.derraucher.ch/index.php?id_haupt=29&id_sub=26&id_content=143
Autor: Electroboy
Veröffentlicht: 23.08.2005
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