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Interview mit Patrick Muggli vom Verein Antiparade

Der Verein Antiparade wurde 2004 ins Leben gerufen und organisiert die Antiparade, die als Protest zur Streetparade stattfindet. Wer steht genau hinter diesem Verein?
Die Idee entstand 1996 durch meine Untergrund-Organisation Radioactive und mich selber. Ich bewege mich seit 1989 in diesem Umfeld. Mit der im Jahre 2001 gegründeten DJ-Crew Nu-clear.ch sind Shiraa und Moguai zur Organisation und damit zur Antiparade gestossen. Aufgrund der polizeilichen Auflösung 2003 und Shiraas Verhaftung wurde der Verein Antiparade ins Leben gerufen, damit wir uns gegen die Kriminalisierung unserer Aktivitäten wehren können.

Man erinnert sich an die erste Streetparade: Zwei Wagen, einem ging der Strom aus, auf dem anderen Viola am Auflegen. Heute ist die Streetparade ein Volksfest geworden. Ein Beispiel dafür, dass etwas Kleines viel bewegen kann. Was stört euch an der Streetparade? Dass es Sponsoren braucht, um die Sicherheit und die Müllbeseitigung zu finanzieren? Dass Techno schon länger eine kommerzielle Musikrichtung ist wie Pop oder Rock?
Grundsätzlich stört uns nichts an der Streetparade, wobei immer wieder die Frage auftaucht, was vom Grundgedanken übrig geblieben ist. Die Streetparade ist wie wir ein Verein, der eine politische Demonstration organisiert. Nur vermisse ich einen Inhalt! Gott sei dank gibt’s nicht auch noch eine aussagslose Pop-, Rock- oder eine andere Abzockerparade. Zudem besteht Techno nicht nur aus House und Trance.

Ihr demonstriert unter dem Motto «Keine Party ist illegal» und «Jeder hat das Recht auf Party». Parties sind aber meistens kommerziell orientiert. Sei dies, weil die Veranstalter die Ausgaben decken wollen, und je nach Aufwand auch fürs eigene Leben etwas verdienen müssen. Es kann vielleicht etwas verwirren, dass ihr jede Party gutsprechen wollt, aber gleichzeitig gegen die Kommerzialisierung von elektronischer Musik seid. Denn Parties sind Kommerz, ausser sie finden in einem privaten Keller statt und verursachen keine Kosten.
Beispiel Tunnelbass: Ist illegal, weil es auf öffentlichem Grund stattgefunden hat, aber keine Kosten verursacht? Die beteiligten Personen stellen die erforderliche Infrastruktur aus ideologischen Überlegungen zur Verfügung. Dazu kommt, dass bei unseren Soundstyles das Risiko oft zu hoch ist, teure Locations zu mieten und dann nur zu einem Bruchteil zu füllen.

An der Antiparade legen DJs wie Eli Verveine oder Pochatz auf. Das ist mutig von diesen Acts, denn sie demonstrieren somit gegen alle Veranstalter von kommerziellen Veranstaltungen und verzichten damit eventuell auf Karrierechancen. Andererseits erstaunt es, da sie ja auch an vielen kommerziellen Anlässen auflegen. Wie ernst ist es euch mit dem Anti-Kommerz wirklich?
Ich möchte nicht über die Beweggründe anderer Acts, die die Antiparade unterstützen, urteilen. Ich meine, dass ich schon über 15 Jahre Plattenteller drehe und auch schon an kommerziellen Veranstaltungen aufgelegt habe. Selbstverständlich würde ich Bookings nicht ablehnen, nur weil der Veranstalter kommerziell denkt und handelt. Es geht mir um die Liebe zur Musik und nicht um die Höhe meiner Gage. Davon leben kann ich nicht, aber ich habe es mit meiner Karriere geschafft, unabhängig zu bleiben und mit Radioactive trotz absoluter Unkommerzialität etwas auf die Beine zu stellen, das auch heute noch existiert.

Ihr fordert, dass illegale Parties als legal erklärt werden, dass die Polizei nichts mehr unternehmen darf. Ihr fordert damit also, dass man das Gesetz ändert und auf die Sicherheit der Gäste keinen Wert mehr gelegt wird.
Wir fordern keine Gesetzesänderung, sondern eine Ausnutzung des polizeilichen Ermessensspielraums im Umgang mit illegalen Parties. Die Polizei soll immer noch das Recht haben, zu wissen, was abgeht. Wir haben in unserer ganzen Geschichte nicht eine einzige Busse oder Verzeigung wegen Nachtruhestörung oder ähnlichen Vergehen erhalten. Deshalb stehen wir gegen Auflösungen von friedlichen Feten und rufen zur Eigenverantwortung unserer Gäste auf. Bei unseren Parties konnten wir allfällige Sicherheitsmassnahmen noch immer selbst herstellen. Als Referenz: der reibunglose Ablauf der diesjährigen Antiparade.

Kommerziell ist ein Anlass, sobald der Besucher Eintritt bezahlen und für ein Bier mehr hinlegen muss, als das Bier für den Veranstalter gekostet hat. Wie stellt ihr euch die Techno-Party-Landschaft ohne Bars und Clubs vor?
Stellen wir uns gar nicht vor, auch wir haben hin und wieder Durst. Aber dass auch Veranstaltungen mit freiem Eintritt und fünf Franken (!) für ein Wodka-Red-Bull funktionieren, haben wir in Vergangenheit hinlänglich unter Beweis gestellt.

Was denkt ihr über kommerzielle Clubs wie das Rohstofflager oder die Dachkantine? Ich nehme an, ihr würdet da nie hingehen?
Doch doch, gehen wir. Da es auch einige kommerzielle Veranstalter gibt, die unsere Aktivitäten zu schätzen wissen, stehen wir ab und zu sogar auf der Gästeliste. Das Toni-Areal ist ein gutes Beispiel dafür, wie leerstehender Raum weiter benützt werden kann. Wir wünschten uns lediglich fairere Mietpreise. Das schlechte Beispiel hierzu ist die Sihlcity bzw. was dort mal war.

Ihr seid gegen die Monopolisierung von Techno. Ist so etwas überhaupt möglich? Kann man das Monopol auf eine Musikrichtung haben? Könnt ihr uns dies etwas genauer erklären? Genau die Antiparade ist ja ein Beispiel, dass jeder etwas machen darf, selbst als Trittbrettfahrer der Streetparade.
Für einen nichtkommerziellen Veranstalter ist es unnmöglich, sich in irgendeiner Form an der Streetparade zu beteiligen. Dementsprechend wurde auch die ganze Techno-Landschaft gestaltet. Wir sehen uns nicht als Trittbrettfahrer der Streetparade noch Subkultur als Gegenkultur, sondern vielmehr als das Gewissen des Mainstreams. So schafft Subkultur eine Kultur ohne beschränkende kommerzielle Zwänge, indem sie als kreatives Experimentierfeld auftritt. Subkultur hat einen sozialen Wert, keinen kommerziellen.

www.nu-clear.ch/antiparade.htm

Autor: Electroboy
Veröffentlicht: 25.06.2007

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