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Interview mit Sven Steinmeyer

schönereWelt! steht für deine grafischen und visuellen Künste. Du realisierst u.a. Arbeiten für Miss Kittin, Stereogarten, den Harry Klein Club, stock5.tv, den flokati house club, escorteaze, Pastamusik und bist auch als VJ in Clubs unterwegs. Wie ist dein Verhältniss zu elektronischer Musik und siehst du eine grafische und visuelle Richtung, die diese Musik begleitet? Bei HipHop etc. spricht mancher von Lifestyle, denkst du, dass die elektronische Musik auch für einen Lifestyle steht?
Von einem «elektronischen Lebenstil» zu sprechen ist mehr als berechtigt. Sicherlich gilt das nicht für zur Popmusik mutiertem Mainstream-«Techno». Aber gerne erinnere ich mich an meine erste «elektronische Party» 1991 in Berlin, die Love Parade und das erste Hören, Sehen und vor allem Erleben elektronischer Kultur. Als Technikbegeisterter und Ex-Computer-Nerd im zarten Kinderalter konnte ich nie verstehen, weshalb die Menschen versuchten, reale Instrumente auf dem Computer möglichst authentisch zu simulieren («Das klingt doch fast wie eine echte Gitarre.»), anstatt die möglichen neuen Klangspektren auszufahren. Dann ging das und die Technik wurde Mittel zum Zweck und teilweise auch Mittelpunkt. Gerade in der visuellen Entwicklung ist und war es offensichtlich, wie neue Techniken und Tools neue Formen ermöglichen und teilweise sogar neue Richtungen oder Design-Trends provozieren. Beim Hip-Hop ist es ähnlich, Musik, Grafitti, Tanz etc. und ich wundere mich immer noch darüber, dass es heute Caps (Sprühköpfe für Farben) und extra dicke Marker in Shops zu kaufen gibt und sie nicht mehr, wie wir noch früher, mühsam aus Deos gesammelt oder selbst umgebaut werden müssen. Auch wenn das in erster Linie kommerzielle Aspekte einer wachsenden oder gewachsenen (ehemaligen) «Subkultur» sind, so sind dahinter doch Menschen, die den Bedarf aus der Nähe zur Kultur erkennen und auch das ist Beleg für eine eigene Kultur, beim Hip-Hop wie in der Elektronik. Die visuelle Richtung elektronischer Musik war früher offensichtlicher als heute.

Hauptmotivation zur Gründung von schönereWelt! 1993 war die Lust, Flyer zu gestalten. Das war damals ein unglaublich experimentelles, freies und neues Feld, anders als alles was war. Auf einmal hat sich alles was hip sein wollte auf «Techno-Schriften» geworfen und war der Meinung, wenn die Schrift unlesbar ist, ist das ganz modern. Die Grafik elektronischer Kultur hat die gesamte Design-Welt verändert und ist nach wie vor oft vorne dran, auch wenn das heute nicht mehr so klar zu sehen ist, da sich die Genres gefächert haben und es eben auch teilweise Mainstream wurde. Andererseits sieht Playstation aus wie der tollste Club, und die hippsten Parties erscheinen in der Anmut einer Todesanzeige.

Dein Motto ist ein Zitat von Pippi Langstrumpf: «Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt!» Wie sieht diese deine schönere Welt konkret aus? Welche Träume möchtest du noch realisieren?
Wohl so einfach und naiv wie die von Pippi: Mein Traum war, mein Ding zu machen, mit Leuten mit denen ich gerne Zeit verbringe, mit Freunden - für Kunden, die das zu schätzen wissen, vertrauen können und ebenfalls ihr Ding machen und das entsprechend idealistisch. Konkret heisst das, ich muss nicht morgens in eine stinkende U-Bahn steigen, um unglücklichen Menschen in ihre frustrierten Gesichter zu blicken, ich muss mich nicht für Meetings oder Kunden schick machen - ich mag keine Krawatten. Ich kann mir jeden Tag gestalten und bin Herr über meine eigene Zeit - das ist wahrer Reichtum. Mein Netzwerk sind meine Freunde. Dienstleister müssen nicht die billigsten und besten sein, sie müssen auch menschlich bestehen. Produzenten müssen sweatshopfrei sein und wenn die Bäckereiverkäuferin, auch wenn sie noch so nahe am Office liegt, unfreundlich ist, gehe ich nicht mehr hin. Eigentlich genau das, was jeder machen sollte und gerne machen würde, aber es ist nicht immer der einfachste und bequemste Weg. Ich bin in der glücklichen Lage, meinen Lebensraum selber zu gestalten. Eigentlich kann das jeder, nur die wenigstens machen es oder getrauen sich. Würde jeder seine Welt nur ein wenig gestalten, die Welt wäre für uns alle schöner. Das ist das wichtigste und das ist auch das, was ich meinen Praktikanten mit auf den Weg geben möchte, auch wenn sie sich danach nie wieder in ein «konventionelles Berufsbild» einfügen können, ist es mir wichtig, dass die Leute sehen, dass es auch so geht. Und dann gehen und sich selbstständig machen. Um ihre Welt zu gestalten. So wird es schwierig, neue Träume zu träumen. Das ist auch gleichzeitig ein Problem! Im Grunde einfach: Ich möchte mehr finanzielle Unabhängigkeit, um mehr Zeit in eigene Projekte zu investieren und mein Netzwerk ebenfalls unabhängiger von «konventionellen Kunden» machen zu können. Ich möchte noch mehr Menschen auf den «schöneren Weg» bringen und dabei unterstützen. Ironischerweise würde ich auch gerne wieder mehr «konventionelle Aufträge» bearbeiten, da ich das Arbeiten innerhalb definierter Grenzen als Herausforderung sehe und es letztlich auch einfacher ist als ständiges «Mach, was Du willst» mit 100%iger Freiheit. Und natürlich noch mehr, viele schöne und spannende Arbeiten für und mit glücklichen Menschen machen! Das mag alles naiv klingen, aber es geht.

Du bist Teil eines Live Visual VJ Collective. Zusammen mit Manuela Leu (Heiligenblut.de) bist du SalzderHelden.tv.
Inspiriert durch meinen ehemaligen Partner Georg Dümlein aus Weimar und seiner VJ-Crew genericPreset kam ich als Kamerakind mit zum VJing ins Ultraschall. Von den Möglichkeiten begeistert, habe ich dann gemeinsam mit Manu begonnen, Live Visuals in den Clubs zu erzeugen. Erst später erkannte ich die wahre bzw. für mich interessanteste Möglichkeit: Seit Jahren Grafik bis vor den Club tragen, aber nicht hinein. Und so begannen meine Flyer-Designs zu leben, auch im Club. Während Manuela Leu aka Heiligenblut mehr bildlich und antikonzeptionell arbeitet, liebe ich klare grafische Formen, einfach oder auch mal überladen. Das ist eine wundervolle Symbiose in Echtzeit am Mischer im Club, angereichtert durch zahlreiche kleine Gadgets und Spielereien, welche wiederum eine Verbindung zur Seele der Maschine bildet. Soll heissen, den Maschinen Spiel- und Gestaltungsraum lassen. Bestenfalls läuft dann nach Stunden Live-Setup irgendetwas, von dem eigentlich keiner mehr genau weiss, wie und woher das jetzt kommt, aber egal was wir machen, ab diesem Punkt ist dann alles schön. Schade daran ist nur die immernoch oft mangelnde Anerkennung. Schade, wenn Leute kommen und fragen, ob wir mal lauter machen können. Aber der Status der visuellen Künstler in der elektronischen Musik wächst glücklicherweise, wenn auch langsam. Daher sehe bzw. sehne ich mich mittlerweile auch danach, hin- und wieder etwas ausserhalb der Clubs, beispielsweise im Kunst-Kontext oder ähnliches, zu machen, in einem Rahmen, in dem das Bild und seine Bewegung im Vordergrund steht. Seit diesem Jahr konnten wie uns auf einen Namen einigen und das ehemalige schönereWelt! + Heiligenblut VJ-Team heisst nun salzderHelden.tv und versteht sich als VJ-Kollektiv, initiiert von Manu und mir als freie Plattform, auf welcher auch andere die Möglichkeit zu Live-Visuals erhalten. Viele unserer Kollegen & Freunde habe Interesse, aber trauen sich nicht, tolle Grafiker, Filmleute und ähnliche. Unendliche Möglichkeiten voll ergieber Kooperation. Auch Workshops denken wir an. Und wie gesagt, den Sprung raus aus dem Club, hinein in freie Felder - im Wald auf einem illegalen Fest hatten wir schonmal projiziert - Gebäude, Museen, öffentlicher Raum. Denn auch das ist Welt, die gestaltet schöner werden kann!

www.swelt.com
www.salzderhelden.tv

Autor: Electroboy
Veröffentlicht: 24.08.2005

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