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Inhalt: Randnotizen zum Leben mit elektronischer Musik.
Autor: Bjørn Schaeffner, mail, website
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Grock da house
Sie dachten, Deejayen sei ein Zuckerschlecken? Ein Irrtum, mit dem ich hier aufräumen will. Wer auflegt, muss allerlei Unbill und so manchen Spiessrutenlauf über sich ergehen lassen. In Biel zum Beispiel. Dort legte ich am Vorabend des 1. August auf. Im Paradiesli. Das Paradiesli ist ein denkmalgeschütztes Restaurant in unmittelbarer Seenähe. Ein romantisch verzierter Fin-de-Siècle-Bau mit einer grosszügigen Veranda. Auf der Terrasse stehen sechs oder sieben Tische, die bedient werden wollen. Das DJ-Pult eingeklemmt unter einem Kastanienbaum. Hier hatte Grock, der legendäre Clown, seinen ersten Auftritt. Anno 1892. Lebte hier in diesem Haus mit seiner Familie. Spielte als Bub in diesem Garten. Ein Ort also, der Kraft seiner Geschichte prädestiniert ist, sich zum Clown zu machen. Natürlich ein Witz. Wie auch mein Booking ein ziemlicher Witz war. Den Gästen im Paradiesli war nämlich kaum nach Beats zumute. Beats in meinem Sinne jedenfalls. Da starrten einen fassunglose Augenpaare hinter Rentnersonnenbrillen an. Wanderer kippten ihre Stangen und schüttelten den Kopf. Ablehnung allenthalben. Kannst Du nicht Hardrock spielen? Es macht immer so Bummbumm." fragte eine, als "Suddenly" von Herbert lief. Nein, aber den Bass werde ich etwas zurückdrehen. Kurz darauf verlangte jemand Céline Dion. Habe ich leider nicht im Gepäck. Frühreife Feiertagsraketen surrten jetzt durch die Luft. Wenige Meter neben mir setzte sich eine fünfköpfige Familie an den Tisch. Der Vater, der in mir nullkommanichts den kulturellen Klassenfeind erkannt hatte, nahm mich ins Visier. Durchbohrte mich mit Blicken. Lange und böse. Böse und lange. Schliesslich begann er an imaginären Reglern zu hantieren. Wild gestikulierend traktierte er sein Luftmischpult. Ein Affentheater, das sich eine gute Viertelstunde hinzog. Ich würdigte die Darbietung keines offiziellen Blickes und revanchierte mich mit den abgefuckten Vocals, die Argenis Brito und Jay Haze ihrem Husarenstück Krak Street Mom" implantiert haben. Keine wirklichen Schweineren, dafür eine geballte Ladung schräg tönendes Kauderwelsch. Rache ist süss, auch wenn keiner ihren genauen Wortlaut versteht. Nun wurde eine enervierte Dame um die Fünfzig vorstellig: Also ich muss schon sagen: Ihre Musik ist eine Ka-ta-stro-phe.". Was hätte ich darauf entgegnen sollen? "Let it be" von John Lennon ? Keine Ahnung. Mir dämmerte bloss eins: Grock hätte an meiner Musik keinen Spass gehabt.
Veröffentlicht: 26.08.2006
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